Neunzehn pointierte Betrachtungen zu allen möglichen und unmöglichen Aspekten des Lebens, und das in unter 44 Minuten: Tempo, verzerrte Powerchords und eingängige Melodien sind die Hauptzutaten für den GRUSS AUS DER KÜCHE, das neue Album von Ernte 77. Die Songs sind wieder kürzer geworden, die Ideendichte dafür höher. Ohne Verschnaufpause geht es von einem lyrischen Mikrokosmos zum nächsten, während sich notorisch durch die (nicht nur) Punk-Historie zitiert wird. Die drei Kölner verstehen es, Kritik an Nationalismus, Polizeigewalt oder kapitalistischer Ausbeutung mit satirischen Kniffen zu versehen und zeigen einmal mehr, dass sich Humor und Haltung nicht widersprechen müssen. Die Band kritisiert scheinbar progressive Lebensentwürfe („Vanlife“) und stellt ihnen sinnvolle Alternativen gegenüber („Geregelter Tagesablauf fuck off“). Eine andere Art von Statement gegen Heteronormativität und toxische Männlichkeit ist „Bundeskanzler der Zärtlichkeit“; ein melodischer Knaller im Stile der 90er, in dem Sänger und Bassist Kalle, selber queer, eine homoerotische Phantasie ausmalt, die in ihrer Bildhaftigkeit den passenden Leuten vor den Kopf stoßen könnte und soll. Dazu gesellt sich natürlich wieder elaborierter Nonsens wie „Kostenfalle Ballern“, „Faszination Hubschrauber“ oder „Landungsbrücken rein“, ein absurder Städtevergleich zwischen Köln und Hamburg. Garniert wird das Ganze mit Chören wie aus dem kalifornischen Lehrbuch. GRUSS AUS DER KÜCHE ist eine bandtypische Gratwanderung zwischen harmonischen Refrains und anstrengendem Gekreische. Ernte 77 ziehen in DIY-Manier unbeirrt weiter ihr Ding durch und bleiben deshalb eine der eigensten Punkbands, im besten Sinne des Wortes. Entgegen aller Trends erscheint auch die LP ohne Schnickschnack auf schlichtem, schwarzem Vinyl mit Textbeilage.
Vorbestellung. Das Album erscheint am 25.11.2022 und wird zum VÖ-Datum verschickt. Vorher benötigte Artikel bitte gesondert bestellen!Das vierte Album der drei Kölner bietet das Gegenteil von ganz typischem Punkrock: In einer Zeit, in der viele Bands ihre Inspiration eher in den Siebzigern und Achtzigern finden, zelebrieren ERNTE 77 die Neunzigerjahre und fördern einen neuen Haufen melodischer und schnörkelloser Ohrwürmer zutage. Zum Einsatz kommt dabei ein oft vernachlässigtes Mittel im Umgang mit dem allgegenwärtigen Wahnsinn, nämlich der Humor. Die doppelbödigen Betrachtungen alltäglicher wie skurriler Dinge sind zum Markenzeichen des Trios geworden, und der kreative Umgang mit Sprache rückt die Texte näher in Richtung Satire als in Richtung „Fun-Punk“. Als Ziele der trockenen sarkastischen Attacken sucht sich DAS ROTE ALBUM unter anderem kapitalistisches Arbeitsethos („Wer feiern kann, kann auch ausschlafen“), Spiritualität unter Punks („Besoffen meditieren“), das asketische Leben als Musiker:in („Von der Musik leben“), alberne Sprüche beim Online-Dating („Zu Bier sag ich nie no“), und natürlich auch den eigenen kulturellen Anspruch („Ernte 77 bereiten das zweite Punk-Revival vor“). Dabei sind der Band auch deutliche politische Statements so wichtig wie noch nie. In Zeiten, in denen Faschist:innen nahezu ungestört die Diskurse erobern können, haben auch Nationalismus und neurechte Talking Points wie die unsägliche Hufeisentheorie („Die goldene Mitte“) bissigen Spott verdient. Weiterentwickelt haben sich ERNTE 77 aber nicht nur textlich, sondern erkennbar auch musikalisch. So hört man neben den gewohnten Punk-Hymnen auch Genre-Ausflüge in Richtung Indie, Alternative, Garage-Punk und sogar Elektro; allen gemein sind dennoch das melodische Songwriting, das sich in den Gehörgang gräbt, und der hintergründige Witz. Damit ist DAS ROTE ALBUM eine abwechslungsreiche Mixtur geworden, und auch die großzügig eingestreuten kulturellen Anspielungen zeigen, dass die Band ihre musikalischen Hausaufgaben gemacht hat. In guter DIY-Tradition wurde außerdem alles selbst produziert und aufgenommen. Ernte 77 sind: Kalle (Gesang + Bass), Kilian (Gitarre), Baum (Schlagzeug)